Zweifelsohne ist es eine erhebende Erfahrung, wenn sich die eigenen Vorurteile nicht bestätigen. Wenn man vom Gegenteil der eigenen pessimistischen Meinung überzeugt wird. Wenn die Welt (oder der Partner) einen sonnenwarm überrascht, und zwar im guten Sinne. Das fühlt sich dann richtig schön an, zumindest für Menschen, die an das Gute in sich selbst und im Human Beeing allgemein glauben. Und die insgeheim hoffen, dass die Welt doch besser ist, als sie meist zu sein scheint. Die zwar negative Befürchtungen haben, aber immer (und allzu gerne) bereit dazu sind, vom Lauf der Dinge eines Besseren belehrt zu werden.
Eine weitere, die Seele beruhigende Erfahrung ist es aber auch, wenn man von den eigenen Erwartungen ablässt und die Dinge "nicht so wichtig" nimmt. Wenn man plötzlich (oder auch ganz langsam, schleichend - qualvoll?) zu der Erkenntnis gelangt, dass das, was man gestern noch in fanatischer Manier für das Wichtigste der (eigenen kleinen persönlichen) Welt hielt, gar nicht wichtig sein muss. Gar unwesentlich. Geradezu nichtig. Ist.
Jahrestage (von zwischenmenschlichen Beziehungen, in diesem Fall meiner, nein unserer: heute) sind nicht von Belang und nur Ausdruck einer auf Quantität, nicht Qualität beruhenden Weltsicht, bei der es von großem Gewicht ist, Dinge, Zeitspannen, Beziehungen in Zahlen auszudrücken. Je höher die Zahl, desto besser. Desto näher das Ziel. Welches? Egal.
Deswegen werde ich ihm heute den Jahrestag nicht um die Ohren hauen, so um kurz vor Mitternacht, wenn er bewiesen hat, dass er definitiv NICHT dran gedacht hat. Ich werde ihn nicht damit quälen, ihm eine Blume zu bringen, um ihm damit zu zeigen, dass er eigentlich mir eine hätte schenken sollen. Ihn nicht zum Essen einladen um dann beim Nachtisch vorwurfsvoll mit der "Wahrheit" zu konfrontieren. Nein.
Wir werden uns einfach einen schönen Abend machen. Nach dem Abendbrot ein Bierchen, bisschen reden, fernsehen. Vielleicht "Schillerstraße". Jetzt mit Jürgen Vogel. Von dem man (ich) auch anderes erwartet hätte. Aber egal. Oder?
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